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janine

Am Ende ging alles ganz schnell. Unsere letzte Etappe führt uns entlang der Küste und durch grünes Weideland. Unter wolkenbehangenem Himmel treffen wir auf diesen Kilometern auf eine Radlerin aus Malaysia, die allein unterwegs ist. Kopftuch und Turnschuhe sind aufeinander abgestimmt, sie macht einen sehr ausgeglichenen Eindruck und ist bei der doch etwas beklommenen Stimmung in mir der Inbegriff der Hoffnung und die menschgewordene Darstellung davon, dass nichts unmöglich ist. Ihr gilt in diesem Moment mein voller Respekt.

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Nach dem Kampf gegen den Wind der letzten Tage fühlt sich die Weiterfahrt nach der Verschnaufpause in Taupo an, als hätte jemand die Bremse gelöst. Der Wind ist schwächer, er hat endlich gedreht und braust uns nicht mehr um die Ohren. Die abgeforsteten Hügel lassen wir hinter uns und mit ihnen die kühlere Höhenluft. Warme Sommerluft weht uns um die Nasen. Es wirkt so befreiend auf uns, als wir über die grüne Ebene brausen, die Hügel in der Ferne, die Sonne am Himmel. Ehe wir uns versehen, erreichen wir die vulkanisch geprägte Gegend um Rotorua.

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Die Fjordlandschaft der nördlichen Küste zieht an uns vorbei, ohne dass wir ihr viel Aufmerksamkeit schenken können. Der Regen fällt in großen Tropfen von den Helmen auf die Knie, das Wasser rinnt an den Rainlegs (Regenkleidung zum über die Hose stülpen) entlang, rinnt unter die Hose und in die Schuhe. Doch die Fähre ist gebucht und wir müssen trotz des Regens weiter, zudem ist bis zum Horizont am Himmel keine Besserung in Sicht.

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Wir tauschen überraschte und erschrockene Blicke aus, als die Zeltstange mit einem lauten Krachen auseinander bricht. „Kann man das mit Duct-tape flicken?“ Frage ich. „Nein, das ist nicht zu kleben“ meint Till. Wir blicken auf den langen klaffenden Riss. Dann erinnert sich Till „In irgendeiner Tasche müssten wir ein Ersatzglied haben“ und nach ein bisschen Taschenwühlen bringt er 15 Zentimeter Hoffnung hervor. Das gebrochene Stangenglied ersetzen wir, fädeln die Stücke wieder auf die Leine, verknoten. Sieht nicht schlecht aus.

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Neuseeland empfängt uns mit einem dunkelgrauen Morgen bei 10°C. „Well, not too bad.“ Die Zollkontrolle von Rädern, Zelt und Lebensmitteln verläuft relativ zügig und unkompliziert, wenn auch unser Qualitätshonig, den wir uns auf Tasmanien geleistet haben, nicht mit einreisen darf und konfisziert wird. Nach dem wir uns vom Honig getrennt haben und vor der Flughafentür stehen, beginnen wir bei leichtem Regen unterm Vordach unsere Räder auszupacken.

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Es hat die gesamte Nacht geregnet. Beim Frühstück, es gibt Porridge, mit Graham und Leslie beobachten wir die bunten Papageien, die auf der Wiese vor den Fenstern zwischen den Büschen mit ihren vielen Blüten grasen. Es ist zwar kalt und die Prognose sehr regnerisch, aber gerade regnet es nicht, so beschließen wir aufzubrechen. Langsam und stetig arbeiten wir uns in die Berge hinauf. Der Wind aus Süd, Gegenwind, nimmt zu, doch wir kommen trocken durch den Tag. Bis Yolla ist die Gegend bewohnt, wir passieren Häuser, Wiesen und Kühe auf hügeligem, grünem Land.

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Nachdem wir uns von Ed und der Great Ocean Road verabschiedet haben, treten wir den Weg nach Melbourne an. Mit der Fähre setzen wir von Queenscliff aus ans östliche Ende der Melbourner Vororte, nach Sorento, über. Das erspart uns den verkehrsreichen Highway in die Großstadt. Von hier aus folgen wir der Küste nach Norden. Beim Stopp an einem Supermarkt spricht uns ein Mann an, er will wissen, wo wir herkommen. Wir schildern ihm unsere Reiseroute und er meint, wir wären verrückt, mit dem Rad den Nullarbor zu durchqueren.

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Jeder Abschied kann auch ein Anfang sein. So heißt es nicht nur in einem Songtext, sondern auch in diesem neuen Kapitel unserer Reise. Wir verabschieden uns in Mount Gambier von wundervollen Gastgebern, nach einem guten Kaffee und mit einem Tütchen Zucker unterm Arm, das uns Kerstin und Sandy abfüllen, um uns den Kauf und das Schleppen eines ganzen Kilos zu ersparen. Wir winken ihnen bei der Abfahrt, und wieder einmal macht sich ein Gefühlsmix in uns breit: der Abschied von liebgewonnenen Menschen fällt nicht leicht, doch wir sind auch gespannt auf einen neuen Abschnitt Australien.

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Sollen wir von Ceduna aus den direkten Weg nach Pt Augusta über den Eyre Highway nehmen oder sollen wir gen Süden entlang der Küste fahren? Sind die 300 zusätzlichen Kilometer landschaftlich reizvoll und es wert geradelt zu werden? Wir sind unvorbereitet und haben keine Ahnung. Wir machen alles von einer Begebenheit abhängig: bevor wir in den Nullarbor aufbrachen, haben wir einen Warmshowers-Host in Port Lincoln, also entlang der Südroute, angeschrieben. Auch wenn wir uns über die Gegend nicht informiert haben, das Profil von Karen und Graham klang ansprechend.

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Nach einer kleinen, vorerst letzten, Pause bei John und Julie im Städtchen Denmark starten wir in das Abenteuer Australische Einsamkeit. Wir starten mit immer wiederkehrenden Schauern, aber mit Rückenwind unsere Erfahrungsreise. Alles beginnt mit Food-shopping in Albany und einer Etappe von etwa 500 km zum Eingewöhnen. Von Albany nach Esperance gibt es nicht viel Zivilisation, zwei größere Dörfer – dazwischen viel Wiesen und Weideland. Vollbepackt treten wir also die Fahrt über hügeliges, grünes Land an.