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janine

Nach einer kleinen, vorerst letzten, Pause bei John und Julie im Städtchen Denmark starten wir in das Abenteuer Australische Einsamkeit. Wir starten mit immer wiederkehrenden Schauern, aber mit Rückenwind unsere Erfahrungsreise. Alles beginnt mit Food-shopping in Albany und einer Etappe von etwa 500 km zum Eingewöhnen. Von Albany nach Esperance gibt es nicht viel Zivilisation, zwei größere Dörfer – dazwischen viel Wiesen und Weideland. Vollbepackt treten wir also die Fahrt über hügeliges, grünes Land an. Unsere Taschen sind bis zum Bersten mit Lebensmittelvorräten gefüllt, und dabei sind wir nur für eine Woche bevorratet. Wie wir Lebensmittel und Wasser für die doppelte Zeit im Nullarbor unterbekommen sollen, ist mir ein Rätsel. Auch melden bereits auf diesem ersten Teilstück beim Auf und Ab unter Vollbepackung meine Knie Protest an. Da hoffe ich sehr, dass die Nullarbor PLAIN hält, was sie verspricht. Dabei klingt in diesem Moment eher 'Ebene' als 'Land ohne Baum' für mich verlockend.

Nachdem wir Albany verlassen, ist es frisch, Wolken bedecken den Himmel. Je weiter wir in Richtung Osten gelangen, desto besser ist die Wetterprognose. So sehen wir es als Challenge und strampeln unserem täglichen Ziel von 100 km trotz andauerndem starkem Seitenwind entgegen. Der höhnische Ruf des lachenden Hans begleitet uns Tag für Tag. Wir folgen schnurgeraden Straßen, die ersten Roadtrains rauschen an uns vorbei. Till kommt Australien dabei wie eine Mischung aus dem vor, wie man sich Amerika (kurvenlose Highways) und Afrika (Buschlandschaft) vorstellt. Zwischen Weideland, Rapsfeldern und sich ausdehnendem Buschland frage ich mich, ob wohl im Nullarbor auch noch jeder Meter entlang der Straße eingezäunt sein wird und ob wir in der Einsamkeit Geld für einen der wenigen Campingplätze ausgeben müssen, weil uns der Strom für Telefon und GPS ausgeht. In den vergangenen 15 Monaten ließ sich das Umschiffen, aber ob es auch hier funktionieren wird?

Nachdem wir die Felder hinter uns gelassen haben, schlagen wir unser Zelt in den folgenden Nächten zwischen Buschpflanzen auf. Wir radeln emsig, doch bin ich froh und erschöpft, wenn die täglichen Kilometer abgeradelt sind. Unter dem Gewicht des Gepäcks, dem rauhen Asphalt und dem hügeligen Land ist meine Belastungsgrenze am Tagesende doch erreicht. Während die Sonne sich orange färbt und dem Horizont nähert, sitzen wir auf unseren Taschen und essen Pasta. Sie versinkt schließlich und es wird mit jeder Minute spürbar kühler, schnell schlüpfen wir ins Zelt. Es sind kurze Tage und lange Nächte, die meiste Zeit hier in Australien verbringen wir im Zelt. Ich huldige jeden Abend der langen Unterhose, die ich von Host Robert geschenkt bekommen habe. Sie hält mich in den kalten Winternächten warm, und Till borgt sie, wenn seine einzige Hose gewaschen wird. Am Morgen des dritten Tages erkennen wir schon beim Aufschlagen der Augen an unseren kalten Nasen, dass es sehr kalt sein muss. Als ich noch ohne Brille aus dem Zelt trete und die blau-grünen Büsche betrachte, meine ich scherzhaft: „es sieht aus, als ob alles gefroren ist“. Dann kommt Till ins Freie und fügt hinzu: „Es sieht nicht nur so aus, es ist überfroren“. Waschen und Zähneputzen muss auf später verschoben werden, wir kratzen das Eis von den Sätteln und sehen zu, dass wir schleunigst in Fahrt kommen. Ich trage soviel Kleidung, wie möglich: zwei Paar Hosen, zwei Paar Strümpfe, Handschuhe, Schale Kapuze. Pünktlich zum Frühstück kommt die Sonne raus und wärmt das Land und unsere Eishände und -füße auf, wir schütteln die Eiskristalle vom Zelt und trocknen es in der Sonne.

Nach fünf Tagen lagern wir kurz vor Esperance. Auf der bis dahin verbleibenden Distanz von 43 km sind wir hoch motiviert, um schon für ein abwechslungsreiches Frühstück den ansässigen Woolworths zu erreichen. Was Motivation doch alles erreichen kann: wir frühstücken Früchtebrot mit Erdnussbutter und Schokoaufstrich. Esperance ist für seine schönen Strände bekannt, an einem davon finden wir eine komfortable Toilette. Für die einen ist es eine Strandtoilette, für uns eine „Dusche mit Waschmaschine“ 😉

Als wir und die Wäsche in der Sonne trocknen, meint ein Herr bei einer Unterhaltung zu uns, dass für die kommenden Tage Regen für Esperance gemeldet sei. Das ist unser Stichwort für den Aufbruch. Wir machen uns auf zu unserem finalen Shopping entsprechend einer aufgestellten Einkaufsliste, auf der unsere Erfahrungen aus der ersten Phase noch optimiert wurden (z.B. Tomatenmark anstelle von passierten Tomaten). Haferflocken, Dosenbohnen und Nudeln füllen unsere Taschen, zusammen etwa 24 Kilogramm. Und 4 Liter Wein aus dem Hause 'Chateau de Kartonage' begleiten uns bei der Ausfahrt aus der Stadt. Irgendwie bekommen wir entgegen meiner Befürchtungen alles unter, auch wenn bereits nach 5 Kilometern Tills Tasche der Last wegen abstürzt und noch einmal umgepackt werden muss. Dann geht es los, auf zu 14 Tagen und 1400 Kilometern.

In der Annahme, dem Regen von Esperance in Richtung Wüste davonfahren zu können, machen wir uns auf, zunächst nach Norden bis Norseman. Bei starkem Westwind und kontinuierlichem Anstieg um 400 Höhenmeter kommen wir in mäßigem Tempo voran. Wiesen, Felder, Salzseen, Schafe und Kaninchen ziehen vorbei. Die hiesigen Elstern verteidigen zu dieser Zeit aktiv ihre Nester, da wird schon mal ein Fuchs über die Straße gejagt oder ein Radfahrer aus dem Hinterhalt attackiert. Ab Norseman geht es nur noch nach Osten. Zunächst durch die Great Western Woods. Hier sind mehr Bäume und Steigungen als ich erwartete. Und mehr Regen. Es ist kalt und wir müssen immer wieder stoppen, um nicht völlig durchzuweichen. Während wir warten, läuft ein Emu vorbei, er sieht genauso durchnässt aus wie wir. Als wir noch eine regenfreie Phase zum Zeltaufbau abwarten, schieben wir uns schnell einen Apfel und einen Müsliriegel zwischen die Zähne; die 'Küche' bleibt wegen Kälte und Regen geschlossen.

Auch als wir am nächsten Morgen einen Blick aus dem Zelt werfen, nieselt es. Es ist alles andere als gemütlich. Schnell treten wir den Rückzug in die Schlafsäcke an, beschließen aber in einer Phase von leiserem Platschen auf das Zelt aufzubrechen. Es nieselt und regnet den gesamten Vormittag im Wechsel, Besserung ist am Himmel nicht in Sicht. Wir haben Sorge, unser Zelt bis zum Abend trocken bekommen zu können. Aber der Wind, der nun kräftig als Seitenwind aus Süden bläst, ist dabei behilflich. Gegen Mittag haben wir den höchsten Punkt des Highways erreicht und fahren kurz vor Belladonna in eine Ebene hinab. Die Bäume werden weniger, mehr grün-blaues Gebüsch ziert die Landschaft, und viele tote Tiere am Straßenrand.

Nach zwei Tagen hält der Regen endlich inne. Dunkle Wolken bedecken den Himmel und verdecken die Sonne. Es ist sehr kalt und wir können uns nur durchs Fahren warmhalten. Anstatt uns des trockenen Tages erfreuen zu können, wird die Stimmung durch die noch gestiegene Zahl an toten Kängurus gedrückt. Immer mehr, immer mehr. Es ist so deprimierend. Durch das viele schwere Radeln die Hügel rauf und runter schmerzen meine Knie wie verrückt und die Achilles zieht bei jedem einzelnen Tritt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich das so weiter durchhalten kann. In Belladonna betanken wir alle unsere Flaschen und Wassersäcke für die vor uns liegenden 191 km bis zum nächsten Roadhouse in Caiguna. Dorthin führt uns die längste völlig geradlinig verlaufende Straße Australiens. Erst wehre ich mich ein bisschen dagegen, dass Till mir auf dieser Etappe einen Teil meines Gepäcks abnimmt. Er schleppt schon so viel und irgendwie habe ich auch meinen Stolz und will auch meinen Anteil zur Bewältigung der Wüste beitragen. Ich willige aber am Ende doch ein und bin dankbar.

Der Nebel des nächsten Morgens verleiht der Buschlandschaft etwas geheimnisvolles. Er geht nach ein paar Stunden in Wolken über, die sich am Vormittag etwas lichten und endlich wärmende Sonnenstrahlen auf die Erde dringen lassen. Mit der Sonne kommen sogleich die nervigen Fliegen, die gezielt Gesicht und Augen anfliegen. Auch bei voller Fahrt lassen sie sich nicht abschütteln. Ebenso ersehnt beginnt endlich die flache Etappe. So können wir trotz den schmerzenden Gelenken die vorgenommene Distanz zurücklegen. Das gibt uns ein gutes Gefühl und die Gewissheit, mit den Wasserreserven bis zum Auffüllen am folgenden Tag auszukommen.

Doch es kommt zunächst anders als erwartet. Als uns das Personal des Roadhouses Caiguna bei der Einfahrt erblickt, rufen sie uns sofort entgegen, dass wir hier unsere Flaschen nicht auffüllen dürfen. Ein bisschen überfahren wollen wir daraufhin lediglich die Toilette benutzen, werden aber sofort des Wasserdiebstahls bezichtigt, beschimpft und der Lokalität verwiesen. Wir haben noch 2 Liter und das nächste Roadhouse liegt nur 60 Kilometer entfernt. Till ermutigt mich, dass wir es bis dahin schaffen und dass es dort sicher keine Probleme gibt. Noch immer geschockt von der Beschimpfung lasse ich mich von seinen Worten motivieren und wir versuchen, Cocklebiddy zu erreichen. Zu unserem Verdruss ist ein heftiger Gegenwind aufgezogen, der das Vorankommen erheblich erschwert. Nur durch das Fahren in Tills Windschatten komme ich bei dem Wind mit den protestierenden Gelenken überhaupt voran. Zum Glück sehe ich im Windschatten nicht das volle Ausmaß der abermals gestiegenen Anzahl toter Kängurus, der Verwesungsgeruch lässt mich jedoch nicht an der Tatsache vorbeikommen. Mindestens alle 200 m liegt ein totes Tier (und da haben wir die bereits skelettierten und vollkommen platten und getrockneten noch nicht in die Schätzung einbezogen) – das macht mehr als 500 tote Kängurus an diesem Tag. Es ist schrecklich und hart.

Am Nachmittag erreichen wir erschöpft Cocklebiddy, und können hier unsere Reserven an Wasser auffüllen. Ich bin unbeschreiblich froh über das Wasser und eine Last fällt von mir ab. Auch wenn es noch mehr Schlepperei bedeutet, beschließen wir hier ordentlich zu tanken, um einen erneuten Engpass vorzubeugen.

Der folgende Tag hält noch mehr Gegenwind für uns bereit. Die Sonne steht am Himmel und lockt unzählige nervige Fliegen hervor. Der Wind pfeift uns um die Ohren und durch das Gegenwindgeräusch hören wir den rückwärtigen Verkehr nicht mehr kommen. Unter schmerzenden Gelenken kann ich die Fahrt in Tills Windschatten nur wenig genießen. Ich blicke kaum nach links und rechts. Erst der Madura Pass, von dem aus man einen beeindruckenden Blick in die weite Ebene hat, führt mir die Unität dieser Gegend vor Augen. Ich schüttle mich und schaue aus dem Windschatten heraus. Es gibt gelbblühende Sträucher, gelb, orange, weiß und lila Buschblumen, deren Blüten man bei genauem Hinsehen gewahr wird. Till ist beeindruckt von der Weite. „Man sieht nur Himmel. Das meiste von dem, was man mit einem Blick erfasst, ist Himmel.“ Überhaupt ist es einzigartig, dieses Land zu dieser Zeit in Grün sehen zu können. In wenigen Wochen wird alles verdorrt, verbrannt, braun und rot sein. Da sind wir schon privilegiert, es so lebendig sehen zu dürfen.

Als am folgenden Morgen eine Sturmböe nach der anderen unser Zelt heftig schüttelt, will Till zunächst gar nicht heraus treten. „Noch einen Tag mit Gegenwind halte ich nicht durch. Bei so heftigem Wind kommen wir nicht einen einzigen Meter.“ meint er. Doch die Sonne erhellt von draußen das Zelt und ich trete heraus. Miesmutig folgt er mir und lässt sich zum Losfahren überreden. Wir stellen fest, dass der Wind etwas gedreht hat und nun aus Norden weht. Zwar machen die Böen das Geradeausfahren nicht gerade einfach, doch es ist möglich zu fahren; und zwar einfacher, als an den Tagen zuvor. Gegen Mittag haben wir sogar etwas Rückenwind. Bei Sonnenschein erinnert man sich da gleich daran, dass Radfahren auch schön sein kann. Die geringere Belastung durch den Wind macht sich sofort bemerkbar, meinen Gelenke fühlen sich besser an. Auch werden wir mit jeder Mahlzeit ein bisschen leichter und Achilles und Knie wollen mit vorsichtiger Regeneration danken. Am Nachmittag erreichen wir einen Wassertank, in den bei Regen Wasser über ein großes Wellblechdach aufgefangen wird. Na bei all dem Regen der vergangenen Tage muss der doch prächtig gefüllt sein, sagen wir uns. Und so ist es. Wir füllen, wir trinken, wir duschen, wir waschen Wäsche. Und würdigen, was für ein Luxus es ist, Wasser im Überfluss zu haben. Wir haben die Halbzeitmarke überschritten. Noch 600 Kilometer bis Ceduna.

Da wir das Wasserangebot so genießen, schlagen wir unser Nachtlager gleich neben dem Wassertank auf. Am Morgen weckt uns das Licht der aufgehenden Sonne. Auf einen Handywecker verzichten wir nun schon einige Zeit, um Strom zu sparen; und es stellte sich heraus, dass die Sonne das genauso gut kann. Wir füllen noch einmal unsere Flaschen am Tank und wollen gerade starten, als Till den platten Hinterreifen entdeckt. Es hätte mich auch gewundert, wenn wir ohne Platten durch den Nullarbor gekommen wären. So machen wir uns an die Reparatur und fahren dann in einen sonnigen, windigen Morgen. Endlich sind mal wieder lebende Kängurus zu sehen, das tut gut. So radeln wir froh gestimmt den Highway entlang. Der Verkehr ist gering, aber stetig; zu Spitzenzeiten kommen teilweise vier Fahrzeuge hintereinander. Darunter sind viele Campervans. Die Fahrer eines dieser Vans kommen während des Frühstücks auf einem Rastplatz zu uns herüber – sie heißen Andrew und Renata. Das polnisch-stämmige Pärchen erklärt uns, dass sie uns seit Esperance folgen und uns auf ihrer entspannten Fahrt immer wieder überholen und schon Fotos von uns gemacht haben. Sie erkennen uns an unserem 'dritten Mann', wie wir die orange Jacke, die über Tills hintere Tasche gespannt ist, liebevoll nennen. (Ich hatte ihn als Regenjacke im Op-shop erworben, nun ist er unser ‚Warnschild‘ für herankommende Roadtrains) Nun freuen sie sich, ein gemeinsames Bild mit uns schießen zu können und versorgen uns mit Wasser, einem Apfel und Keksen.

So können wir uns stärken, um am Eucla-Pass aus der tiefliegenden Ebene in eine höherliegende Ebene zu fahren. Hier beginnt der Nullarbor Nationalpark. Die Bäume verschwinden gänzlich und auch die Büsche wachsen nur noch kniehoch neben den flachen Pflanzen am Boden. Wir fahren nun dicht an der Küste entlang. Die Überhangklippen neben uns fallen zum Meer hin steil ab und bieten einen beeindruckenden Anblick: wie wenn die Welt da abbricht. Zum Tagesende sind wir über die unerwartete Zusatzversorgung mit Wasser durch die polnischen Camper noch einmal besonders dankbar, als der eben gefüllte Nudeltopf vom Kocher rutscht. Die Nudeln retten wir, aber das Wasser sickert in den sandigen Boden.

Ein starker Rückenwind bläst uns am folgenden Tag 147 Kilometer über die Ebene. Das macht beim Fahren Spass, aber beim Halten nicht. Es zieht uns fast von den Aussichtspunkten an den Klippen, beim Essen weht es die Peanutbutter-dose vom Tisch und Haferflocken samt Milch vom Löffel. Das Überführen von Kaba in die Schüssel ist fast unmöglich. Zudem machen die immer penetranter werdenden Fliegen das Rasten unangenehm, es werden immer mehr. Sie gehen nicht ans Essen, nur auf Augen und Gesicht. Eklig!

Nach der Mittagspause breiten sich dunkle Wolken am Himmel aus. Auch wenn es uns fast reut, den guten Wind nicht weiter zu nutzen und frühzeitig abzubrechen, so plädiere ich doch für Stoppen und Zeltaufbau. Hinter dem einzigen kleinen Busch, der weit und breit zu sehen ist, schlagen wir also unser Quartier für dir Nacht auf. Kaum steht es, setzt der Regen ein. Diesmal probieren wir etwas neues (der Gaskocher machts möglich): wir kochen im Vorzelt und freuen uns über die Entscheidung zum Halten. Es regnet und windet die ganze Nacht. Zu Beginn bietet der kleine Busch noch ein wenig Windschutz, bis nach einigen Stunden der Wind dreht. Die halbe Nacht wird unser Zeltchen durch den Sturm, der ungebremst über die Ebene fegt, geschüttelt. Ich fürchte mich die ganze Nacht. Wir verlieren zwar den einen oder anderen Hering, doch dank der zusätzlich zu den Heringen gespannten Leinen bleibt das Zelt stehen und wir trocken.

Der Sturm der letzten Nacht ist am Morgen abgeklungen, das Gewitter zu Regenschauern reduziert. Zwar ist der Rückenwind zum Seitenwind mutiert, aber dieser bläst einem nicht mehr das Frühstück vom Löffel. Nachdem wir am folgenden Tag das Nullarbor Roadhouse hinter uns gelassen haben, ist es mit der Baumlosigkeit vorbei und auch mit dem flachen Land. Dafür sind die weiß-apricotroten Papageien wieder da, aber auch die Zäune entlang der Straße und der Gegenstoß-wind der entgegenkommenden Roadtrains. In Yalata gibt es laut unserer Karte einen Wasserspeicher. Tanks sind auch da, jedoch schauen wir verblüfft, als wir feststellen, dass keine Wasserhähne vorhanden sind, und somit keine Möglichkeit an das Wasser aus den Tanks zu kommen gegeben ist. Glücklicherweise sind wir, gebrannte Kinder, noch mit ausreichend Wasserreserven ausgestattet um nicht in einen Versorgungsengpass zu kommen. Trinken und Essen bleibt gewährleistet, und beim Waschen müssen wir uns eben stark einschränken. Klingt eklig? Ist es auch.

Auf dem Weg nach Penong reißt Tills Kette, die er in Japan repariert hat. Er ist nicht ärgerlich über den Zwischenfall, sondern würdigt während der Reparatur am Straßenrand nur, wie lange die 'geflickte' Kette doch noch durchgehalten hat. Das beeindruckt mich. Durch die Übung geht der Wechsel auch mittlerweile im Handumdrehen. Für die Nacht finden wir einen geschützten Platz auf einem Rastplatz. Wir genießen richtig, dass es mittlerweile fast windstill geworden ist. In dieser Nacht hält uns also der Wind nicht wach, jedoch das 'Klopfen' der Ameisen, auf deren Bau wir scheinbar unser Zelt gestellt haben und welche sich nun mit dem Nagen am Zeltboden rächen.

Zum Frühstück am folgenden Tag fährt ein uns bekannter Campervan auf den gleichen Rastplatz ein. Es sind Andrew und Renata! Renata fährt ein echtes ‚Frühstücksbuffet‘ vor uns auf: Kaffee, Cornflakes, echte Milch, Schokolade und Kekse. Was für eine tolle Begegnung! Die Freude darüber fährt den gesamten Tag mit uns mit und bleibt bis zum Abend als Lächeln in unseren Gesichtern zu sehen. Noch im Zelt abends sind wir verblüfft von ihrer Herzlichkeit. Die beiden biegen nach unserem Treffen nach Norden ab, wir werden sie nicht wieder treffen. Zumindest nicht auf dieser Reise.

Mit jedem Kilometer weiter östlich kommen wir der Zivilisation ein Stück näher. Es gibt wieder Gras, Farmland, Schafe. Irgendwann auch Getreidesilos. Einen Tag darauf fahren wir gegen Mittag in Ceduna ein. 1400 Kilometer und dreizehn Tage liegen hinter uns. Der Supermarkt ist unser erstes Ziel, danach eine Fastfood-Kette mit WiFi. Apfel-Zimt-Muffins und Internet – der Nullarbor ist bezwungen.

Kommentare

Submitted by Dieter und Ingrid (nicht überprüft) on Mo, 17.09.2018 - 15:38

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Mit großer Spannung haben wir auf Euren neuen Reisebericht gewartet, und wir wurden nicht enttäuscht. Wir ziehen den Hut vor Eurere Leistung mit dem Wetter, der Wüste und den körperlichen Anstrengungen. Wir glauben, wenn Ihr zurück in Leipzig seid, und Till noch keinen vernüftigen Job hat - Fahrradmonteur geht immer. Wir sind mächtig stolz auf Euch. Jetzt habt Ihr Euch aber einen leichteren Verlauf der Reise verdient. Viel Glück auf den Weg. Wir umarmen Euch!

Na das mit dem Fahrradmonteur wird wohl meine Sache nicht... Ich verstehe auch nicht warum immer etwas kaputt gehen muss. Das mit dem leichteren Verlauf der weiteren Reise wird wohl auch schwierig werden, bald geht es wieder in die Berge... Aber in Wirklichkeit genießen wir auch die Tiefen dieser Reise, es braucht nur manchmal ein paar Tage um es sich einzugestehen. Die Tiefen lassen die Höhen noch besser aussehen.Und ich bin wirklich stolz auf meine Frau! Musste Mal gesagt werden ☺️.

Submitted by Onkel Klaus (nicht überprüft) on Mo, 17.09.2018 - 19:05

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oder am Ende der Welt ?
So hört es sich an und die Bilder zeigen es: die Reise durch Nullarbor PAIN.
Gefrostete Sättel hatte ich auch noch nicht.
Und natürlich ist auch die Kette gerissen. Ihr seid Helden !!
Liebe Grüße
Onkel Klaus

Können wir dich bitte als Redakteur einstellen? Mit dem Titel schaffen wir es auch auf Seite 1 der B.ld-Zeitung.

Es ist immer lustig wenn man auf die Frage der Ortsansässigen: wie es einem gefällt? Mit: es ist ein Abenteuer antworten muss. Als Radreiseziel würden wir Australien momentan noch nicht empfehlen. Es ist einfach zu groß. Ein großes Abenteuer eben.

 

Submitted by Alles in 12 Taschen (nicht überprüft) on Sa, 22.09.2018 - 13:53

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Das du das mit diesen Schmerzen durchgezogen hast... Tapferkeit könnte man das nennen. Klingt furchtbar. Aber alle Achtung, dass ihr das unbeschadet überstanden habt. Der Bericht war wieder abendliche Vorlese-Lektüre am Zelt und ist sehr schön geschrieben. Besonders hat uns die Vorstellung der fliegenden Haferflocken gefallen. Wir stoßen bald auf in die Alpen und dann wirds für uns schon fast Zeit die Tage bis zur Rückkehr ins normale Leben zu zählen. Alles Gute euch beiden.

Hallo ihr zwei,

schön dass man unterwegs scheinbar die gleichen Hobbies entwickelt. Abendliche Vorleselektüre gehört auch zu unseren Tagesritualen. Und nun erstmal noch etwas Werbung für euren Blog: www.alles-in-12-taschen.de Wir hoffen ihr lasst euch vom Tage zählen nicht den Rest eurer Reise verderben. Liebe Grüße nach up-over oder wie man von hier aus wohl Europa nennen würde 😀

Submitted by David (nicht überprüft) on So, 23.09.2018 - 21:24

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Herzlichen Glückwunsch zu dieser Leistung! Ich bekomme Gänsehaut beim Lesen, weil mich diese Strecke im Auto schon überaus beeindruckt hat. Den größten Respekt, dass ihr das unter diesen Bedingungen durchgezogen habt! Ihr könntet in der nächsten Großstadt mal austesten, wie viele Australier euch diese Story glauben würden. Weiterhin so viel Ehrgeiz und Gelassenheit, ich freue mich auf die nächsten Geschichten! :)

Die Durchquerung der Wüste mit dem Rad scheint nicht die größtmöglich denkbare Herausforderung zu sein. Von Campern haben wir von einem Mann erfahren, der die Strecke mit einem Trailer zu Fuß bewältigt. Wie kann denn das funktionieren? fragten wir uns. Nun, es waren immer ähnliche Stories, die wir hörten. Die einen haben ihn mit Wasser versorgt, andere haben ihr Mittag mit ihm geteilt und wieder andere haben ihm ein Frühstück gemacht. Manchmal läuft es (sich) eben besser als man denkt (fährt).

Submitted by Susi (nicht überprüft) on So, 23.09.2018 - 23:22

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Toll endlich wieder einen Bericht von Euch zu lesen. Aber es klingt nach nicht viel Sonnenschein ☀️.
Wahnsinns Leistung was ihr da geschafft habt und auch an den Schutzengel der bei dem Sturm dabei war.
Ich bin wirklich schockiert über die Zahl der toten Tiere😥.
Ich wünsche euch von Herzen das der restliche Aufenthalt nur noch leichter für Euch wird❤️.
Fühlt euch gedrückt von uns 😘
Passt gut auf euch auf.

Das mit dem Wetter ist so eine Sache, zwar will der Frühling Einzug halten, doch wir radeln immer weiter südwärts (was dem 'nördlich' der Nordhalbkugel gleichkommt) und entkommen so erfolgreich den wärmenden Strahlen. Auch steht die Sonne hier mittags im Norden.. aber das ist eine andere Geschichte.

Viele liebe Grüße in die Heimat!

Submitted by Julia & Christian (nicht überprüft) on Fr, 09.11.2018 - 20:43

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Hallo ihr Zwei!
Es ist schon wirklich sehr beeindruckend wie ihr euch immer wieder motivieren könnt das durchzuhalten.
Weiter so, hoffentlich sieht man sich dann bald mal in der Heimat! ❤

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