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janine

Jeder Abschied kann auch ein Anfang sein. So heißt es nicht nur in einem Songtext, sondern auch in diesem neuen Kapitel unserer Reise. Wir verabschieden uns in Mount Gambier von wundervollen Gastgebern, nach einem guten Kaffee und mit einem Tütchen Zucker unterm Arm, das uns Kerstin und Sandy abfüllen, um uns den Kauf und das Schleppen eines ganzen Kilos zu ersparen. Wir winken ihnen bei der Abfahrt, und wieder einmal macht sich ein Gefühlsmix in uns breit: der Abschied von liebgewonnenen Menschen fällt nicht leicht, doch wir sind auch gespannt auf einen neuen Abschnitt Australien. Die Weinregionen der australischen Südküste lassen wir hinter uns, verlassen die Küstenregion und radeln landeinwärts; glücklicherweise diesmal ohne Muskelkater. Zwar fühlen wir uns gerade nicht kräfteüberladen und verzehren uns auch nicht unbedingt nach körperlichen Herausforderungen, doch wollen wir die flache Landschaft mit einem Abstecher in die Grampians unterbrechen. Laut einer Touristenbroschüre sollen dort Berge und ganz ursprüngliche, alte Wälder zu finden sein. Und genau danach steht uns gerade der Sinn. Das aufwendige Planen von Routen, die wir dann ohnehin wieder über den Haufen werfen, haben wir lange aufgegeben. Lieber lassen wir uns treiben, nehmen die Empfehlungen der ortsansässigen an und reisen von einer Anpreisung zur Nächsten.

An diesem Morgen ist es frisch, maximal 11°C erwarten uns und auch die Sonne lässt sich, nachdem sie uns zum Abschiedwinken noch schien, nicht mehr blicken. Dennoch radeln wir den ersehnten Bergen entgegen. Zunächst führt unser Weg durch ein Waldwirtschaftsgebiet. Kein richtiger Wald, so finde ich, mit den dünnen, immer gleichen, in Reih und Glied stehenden Tannen, doch immerhin ein Anfang von Wald. Bald werden diese Waldbotschaftsbringer abgelöst von, wie kann es anders sein, Wiesen, Weideland und Schafen. Zwar verlassen uns die Bäume, aber nicht der Mut. Wir radeln durch die bekannte Szenerie, die auch über die Grenze nach Victoria hin besteht. Dabei verfolgen uns die Kakadus, deren lautes Kreischen über den Tag hinweg ganz schön anstrengend wird. Langsam wird es immer hügeliger, doch der Anblick von Wiesen und Wollgetier bleibt unverändert. Dann kommt am Straßenrand ein Schild, das uns die Ankunft in den South Grampians ankündigt. Nun müssen doch endlich die Berge kommen.

Es ist bereits später Nachmittag, und noch immer sind trotz vielen Höhenmetern beim Auf- und Abgefahre nur Wiesen und Schafe zu sehen. Irgendwie werde ich ungeduldig. Doch Till beschwichtigt mich: die werden schon noch kommen. Während ich den Blick an den Horizont hafte, richtet Till den Blick auf ein graues Puschelbündel auf der Straße und lässt gleich darauf ein lautes „Halt“ vernehmen. Ein Elsterküken sitzt hier mitten in der Gefahrenzone und rührt sich nicht. Er zögert nicht, trotz der verlebten Elstermama-Attacken, das Küken umgehend in Sicherheit zu bringen. Ein Auto muss dazu vor der Rettungsaktion auf die Gegenspur umgelenkt werden. Ganz vorsichtig nimmt er dann das Tierchen und verschafft es in die Wiese. Es strampelt zwar ein bissl, ist aber ganz flauschig, meint er. Ob es schon groß genug ist, um etwas zu essen zu finden, wissen wir nicht. Aber immerhin hat er es vorm Tod durch Überfahren bewahrt.

Der Tag, mit der Zeitumstellung im neuen Bundesstaat um 30 Minuten verkürzt, neigt sich seinem Radfahrende zu. Der Wind weht beständig aus Südost und wir müssen nach einem windgeschützten Platz Ausschau halten. An der Stadtgrenze zu Coleraine entdecken wir hinter einem Rastplatz ein paar zusammenstehende Bäume, die sich einen Hügel hinauf ziehen. Der Vor-Ort-Wind-Test und der Heringstest bestätigen, dass die Baum-Hügel-Kombi gute Deckung bietet und sich auch die steinige Bodenplatte zum Halten der Zeltanker überreden lässt. Als Hase und Känguru vorbei gehoppelt sind, beschließen wir, der Kälte wegen schon ins Zelt zu kriechen. Kaum haben wir es uns bequem gemacht, fährt ein Auto ran und eine Motorsäge wird angeworfen. Hm, wäre nicht so schön, wenn gleich ein Baum auf unserem Zelt landet. Besteht hier Handlungsbedarf? Wir warten erstmal ab und kochen eine Suppe. Das Würzöl zu den Nudeln ist bei den Temperaturen zum Würzschmalz erstarrt. Wenn auch etwas schwer aus der Tüte zu quetschen, so erfüllt es doch seinen Zweck. Irgendwann ist auch der Baum zersägt und verladen, der Wagen abgefahren und die Nacht kann beginnen.

Auf der Fahrt nach Hamilton nehmen wir am folgenden Tag einen Umweg in Kauf, um die Wannon- und Nigretta-Wasserfälle zu sehen. Im Grau des kalten Tages haben es die Naturerscheinungen schwer, ihre Reize voll auszuspielen. Zusätzlich fehlen noch immer die Berge. Bis Hamilton, was unserer Karte nach schon im Zentrum der Grampians liegt, nur Wiesen und Schafe. Ist das alles? Hügel rauf und Hügel runter, und nur Schafe? Rauf schwitzt man, runter friert man, den ganzen Tag läuft die Nase – und diese Kombination wird nicht einmal mit Bergen belohnt? Meine Motivation ist im Keller. Zur Stimmumgshebung schoppe ich bei Aldi und wir halten Brunch. Dabei bin ich es langsam leid, immer behandschuht essen zu müssen, das macht den Umgang mit Campinggeschirr nicht direkt einfacher. Wir wärmen uns noch kurz in der Stadtbibliothek auf (dank Karen und Graham wissen wir, dass es hier immer free WiFi gibt), bevor wir die Fahrt fortsetzen. Als Dunkelt nicht mehr fern liegt, tauchen in der Ferne endlich drei Felsformationen auf: Mount Sturgeon, Mount Abrupt und The Piccaninny. Auf diese felsigen Kuppen fahren wir gespannt zu, zusammen mit weinrot-grauen Papageien erreichen wir zum Tagesende den Aufstieg in den Nationalpark und sind den Bergen nun ganz nahe. Es fühlt sich toll an. Auf einer Seitenstraße finden wir zwischen den Gum Trees einen versteckten Zeltplatz, von dem aus wir den Bergen ‚Gute Nacht‘ wünschen. Der Abend scheint wundervoll und wie auserkoren dazu, unseren „Wanderlust“ zu köpfen; den Cabernet Sauvignon aus Coonawarra. Garniert mit Türkischem Brot und Käse: das ist ein drei Sterne Zelt-Abendessen!

Am folgenden Tag scheint uns von Beginn an die Sonne. Als wir unser trockenes (!) Zelt einpacken, scherzen wir: falls wir trotz der bergigen Etappe einen sehr guten Tag haben, können wir nach 110 Kilometern heute Abend wieder hier campen. Durch das Tal führt nur eine Straße, die wir nicht in Richtung Melbourne-Highway weiter, sondern wieder zurück fahren wollen, um dann südlich zur Küste zu gelangen. Dann schwingen wir uns auf die Esel. Die Emus und Känguru grasen im Morgenlicht nahe der Straße. Durch einen Wald an Eukalyptus-Bäumen geht es nordwärts, zu beiden Seiten grenzen Berge das Tal ein, an denen sich das Auge festhalten kann. Ein wenig erinnern uns die schroffen Felsen an die sächsische Schweiz. Wir genießen unsere Fahrt durch die veränderte Landschaft, sogar den Aufstieg in die letzten Ausläufer der Great Divide und die Abfahrt nach Halls Gap – obwohl uns klar ist, dass wir diese Höhenmeter später wieder hinauf müssen. Beim Erreichen von Halls Gap, im Herzen des Gebirges, müssen wir feststellen, dass es keine interessante Stadt ist. Man findet Ferienbuden, Icecreameries und Touristenbespaßung; keinerlei Charm oder Charakter. Daher treten wir nach einer kurzen Runde den Rückzug an.

Auf der Rückfahrt wird dann der morgige Scherz zur Challenge: Till will den alten Campingplatz wieder erreichen. Wir pedalieren also trotz der Höhenmeter bis die Beine erschöpft sind und schlagen am Abend unser Zelt an der bewährten Stelle erneut auf. Mittlerweile ist es ziemlich kalt geworden und so kochen wir wieder im Vorzelt: Instant-Nudelsuppe aufgepeppt mit Brokkoli. Kalt ist es auch in der folgenden Nacht; wie Maden schmiegen wir uns, bis zum Halse in unsere Schlafsäcke gehüllt, aneinander.

Auf der bekannten Straße geht es am folgenden Tag zurück, wir verlassen den Nationalpark und die bergige Etappe. „Ade Mt. Abrupt“ rufen wir der letzten Spitze zu, die von Dunkelt aus noch zu sehen ist. Hier wollen wir der 'Alten Bäckerei' einen Besuch abstatten; wir sind auf eine traditionelle Meat-Pie aus. Doch das Geschäft öffnet erst in einer guten Stunde und so gibt es wieder keine Pie für Till, erneut ist das Probieren des wohl australischsten Gerichtes verschoben. Anstelle dessen gibt es, wie jeden Morgen, Porridge mit Zucker von Kerstin und Sandy.

Auf ruhigen Straßen geht es für uns durch flaches Land gen Süden, durch kleine Dörfer und wieder vorbei an Weidewiesen und Schafen. Kurz vor Port Fairy entdecken wir eine ehemalige Bahnstrecke, die zum Fahrradweg umgebaut wurde und uns direkt in die Stadt hinein führt. Die sehr aufgeräumt und edel wirkende zieht sich am Meer entlang, so stoßen wir schnell auf die Küste. Am Strand spazieren wir entlang und halten nach den Seelöwen Ausschau – doch entdecken keine. So kehren wir am Abend der Stadt den Rücken zu. Etwas außerhalb hat eine grüne Fläche neben einem Golfplatz auf der Karte unsere Hoffnung auf eine Möglichkeit zum Campen geregt. Als wir dort ankommen, erwartet uns ein Schild, dass ein Nature-reserve ausweist und darunter ein Campen-verboten-Zeichen trägt. Was machen wir nun? Hinter uns liegt die Stadt, vor uns der Highway. Wir schlagen uns zwischen die Büsche (und die Mücken) und bauen wider unserer guten Erziehung unser Zelt im Gras auf. Erst als uns das Dunkel der Nacht einhüllt, beruhigt sich mein vom schlechten Gewissen getriebener Herzschlag.

Wir bleiben in dieser Nacht ungestört und beginnen den folgenden Tag beim ersten Morgenlicht. Vielleicht trägt das ungute Gefühl des verbotenen Zeltplatzes wegen zum frühen Erwachen bei, aber viel mehr doch die Vorfreude auf den vor uns liegenden Fahrtabschnitt: die Great Ocean Road. Vielleicht sehen wir hier endlich Koalas. In Warrnambool füllen wir kräftig Lebensmittelvorräte auf – Schlechtwetter ist vorausgesagt. Aber zunächst begleitet uns die Sonne und der Wind steht uns im Rücken, so biegen wir auf die berühmt Küstenstraße ein, gleiten im Wind an den Klippen entlang und lassen keinen der imposanten Aussichtspunkte aus. The Grotto, die London Bridge, Loch Ard Gorge und zu guter Letzt natürlich die 12 Apostel. Von den zwölf Kalksäulen im Südpolarmeer sind nur noch acht vorhanden, ein paar der steilen Felsen sind im Meer versunken. Nichts liegt zwischen dieser Küste und der Antarktis, nichts bremst die heftigen antarktischen Winde. Doch so brechen auch immer wieder neue Gesteine von den Klippen ab und können irgendwann vielleicht die ursprüngliche Anzahl wieder auffüllen. Es ist beeindruckend, wie hier die Vergänglichkeit und das Entstehen neuen ‚Lebens‘ symbolisiert werden. Auch wenn die Flut an asiatischen Touristen einen sinnierenden Moment schwer macht.

Trotz eines langen Fahrtages mit mehr als 100 km sind wir dankbar dafür, dass wir die Felsen, wie sie die Natur geformt hat, im Licht der Sonne bewundern durften. Nachdem unser letztes Foto geschossen ist, ziehen dunkle Wolken am Himmel auf und kündigen Regen an. Für den gesamten kommenden Tag ist Regen vorausgesagt. Zusammen mit dem schroffen Wind der Küste und den mangelnden Unterschlupfmöglichkeiten zwischen Steilklippe und Buschlandschaft steht demnach kein echtes Radfahrvergnügen an. So beschließen wir, einen guten Zeltplatz zu suchen und den folgenden Tag dort auszuharren. Es ist der erste Zelttag auf unserer siebzehn-monatigen Reise.

Wir finden einen annehmbaren, windgeschützten Platz, abgeschirmt von den Touristenströmen und den Helikoptern, die diese über die Buchten fliegen. Nach ein paar Minuten steht das Zelt, ist verankert und verschnürt – wir sind präpariert, nun kann das Schlechtwetter kommen. Während dieser Nacht fällt kein Regen, doch ein anderes Geräusch lässt mich hochschrecken. Ich vernehme laut und deutlich ein Grunzen. „Oh je, ein Wildschwein!“ denke ich. Aus meiner Kindheit in ländlicher Gegend rücken mir Geschichten von sehr aggressiven Exemplaren ins Gedächtnis. Und wir haben Lebensmittel im Zelt. Till schnarcht neben mir und scheint von dem tierischen Besucher nichts mitzubekommen. Ob sein Schnarchen das Schwein eher anlockt oder vertreibt, frage ich mich. Ich bin unentschlossen diesbezüglich, entschiede mich aber dazu, ihn zu wecken. Ich rüttle ihn mit den Worten „Draußen ist ein Wildschwein!“ Er hebt den Kopf, die Geräusche sind verschwunden. „Hier gibt’s doch keine Wildschweine“ raunt er mir zu und dreht sich wieder um. Vorerst bleibt es ruhig und der Schlaf überwältigt auch mich erneut. Ein oberflächlicher, nur leichter Schlaf.

Nach einer Weile grunzt es erneut. Diesmal schüttel ich Till rechtzeitig. „Das Schwein, das Schwein. Da ist es wieder!“ Nachdem er mich davon überzeugt hat, dass er wach ist und ich nun aufhören kann zu schütteln, lauscht er. „Tatsächlich! Ein Wildschwein“, muss er feststellen. Wir verfolgen das Grunzen einige Zeit, immer wieder verstummt es und beginnt von neuem, doch es scheint nicht direkt am Zelt zu hantieren und macht keine Versuche einzudringen. So vergeht die Nacht ohne Einbruch.

Am Morgen sieht es noch nach ganz annehmbarem Wetter aus, doch das große Unwetter soll ja erst gegen Mittag kommen. Wir lesen und vertreiben uns die Zeit im Zelt, in dem es immer wärmer wird. Die Sonne scheint, der große Regen bleibt aus. Till meint am Abend: „Ich fühle mich vom Wetterdienst um einen Radfahrtag betrogen!“

Ein schöner Tag, an dem wir nicht radgefahren sind, ist vergangen und eine weitere Nacht zwischen den Büschen, unter denen wohl das Wildschwein haust, bricht an. Ein Teil der Lebensmitteln ist zwar verbraucht, dafür haben wir nun zusätzlich noch eine Mülltüte im Vorzelt stehen. Nach Einbruch der Dunkelheit hören wir es wieder, das Wildschwein. Diesmal bin ich noch ängstlicher. Ich kann kaum ein Auge zu tun und die Nacht scheint nicht zu vergehen. Immer wieder das Grunzen. Doch wir werden nicht attackiert und auch diese Nacht überstehen wir und das Zelt unbeschadet.

Ich bin froh, als wir am folgenden Morgen unsere Fahrt fortsetzen, das Schwein hinter uns lassen und nun vielleicht endlich Koalas sehen können. Zunächst geht es grasbewachsene Hügel mit Kühen und Milchfarmen hinauf. Ein toller Blick in die Bucht mit den Klippen belohnt uns für den ersten Anstieg. Dann steigt es weiter an, langsam und gemächlich. Die weißen Blüten der Büsche am Straßenrand, die auf den schwarzen Teer gefallen sind, sehen aus wie Sterne am Firmament. Das genießen der Fahrt wir jedoch mit zunehmendem Verlauf schwerer. Immer steiler aufwärts durch Regenwald mit hohen Bäumen und, um dem Namen alle Ehre zu machen, Regen. Bergauf schwitze und friere ich gleichzeitig – keine schöne Kombination. Mit zunehmender Höhe sinken die Temperaturen und das Frühstück ist wieder einmal nur als Stehimbiss (zum Hinsetzen ist’s mir zu kalt) und in Handschuhen zu genießen. Mit der Hoffnung auf mehr Wärme radeln wir wieder abwärts, bahnen uns unseren Weg hinab zwischen dem zunehmenden Autostrom (wir sind dabei froh nicht zur Hauptsaison hier zu sein!), der all die asiatischen Touristen zu den Attraktionen bringt. Als wir die Ebene mit Grasland erreicht haben und ich schon durchatme, taucht die nächste Auffahrt vor uns auf. Damit habe ich nicht gerechnet und ich muss erst einmal anhalten und verschnaufen. So geht es erneut eine waldige und steile Auffahrt hinauf. Dabei ist die Auf- und auch die Abfahrt kein kontinuierliches Überwinden von Höhenmetern, sondern ein immerwährendes Auf und Ab, Gang 14-1-14-1. So arbeiten wir uns allmählich vorwärts, bevor wir in die Apollo Bay einfahren und somit den bergigen Teil hinter uns lassen. Zwischen Felsen und Meer finden wir einen ruhigen Spot für die Nacht, den wir uns mit einem Bulli teilen. Das Meer rauscht uns in den Schlaf.

Ein kleines Dorf namens Kennett River erreichen wir am folgenden Morgen. Uns wurde gesagt, dass man hier Koalas sehen kann und auch ein Koala-View-Spot ist auf unserer Karte eingezeichnet. Voller Erwartung fahren wir also dorthin und sind erst einmal irritiert, wir befinden uns mitten auf einer kleinen Straße zwischen einem Wohnhaus und einem Campingplatz. Das kann nicht der Viewpoint sein! Da Tills Kettenschoner genau im Moment der Ankunft abspringt und ich bei der Reparatur ohnehin nur daneben stehe, bietet sich mir die Gelegenheit, mich umzusehen. Entlang der Straße stehen hohe Gum-Trees, deren Blätter die Tiere futtern. Vielleicht sind wir doch nicht ganz falsch. Ich richte den Blick nach oben in die Baumkronen und laufe die Straße entlang. Nichts. Daher trete ich den Rückweg an, sehe aber einen Mann, der ebenfalls in die Bäume späht. Ich verfolge nun ihn mit den Augen. Als er an einer Stelle stehen bleibt und den Blick nach oben gerichtet hält, laufe ich zu ihm hinüber und sehe zu der Stelle empor. Ha, da ist er! Der erste Koala. Eine graue Kugel, die unbeweglich in einer Astgabel hängt. Kurz darauf erblicken wir noch einen zweiten, und einen dritten. Ebenfalls unbeweglich. Der erfahrene Koala-späher berichtet uns, dass die Bärchen pro Tag ca. 22 Stunden bewegungslos in den Bäumen sitzen. In diesem Moment kratzt sich eines der Tiere, ganz langsam – was haben wir für ein Glück. Ebenfalls erzählt er uns, dass die Bärenkinder zunächst die Eukalyptus-blätter, deren einzige Nahrungsquelle, nicht verdauen können und somit nach dem Säugen die erste Mahlzeit aus dem Kot der Mutter besteht. Willkommen auf der Erde, kleiner Bär. 😣 Zuletzt fragt er uns noch, ob wir wissen, welche Brunftlaute ein Koala-männchen macht. Wissen wir natürlich nicht, daher macht er es uns einmal vor. ‚UHHUHHUHH'. Hmmm…. Moment mal. Das kommt uns doch irgendwie seltsam bekannt vor. Wir meinen zu ihm, dass seine Imitation genauso klang wie das Wildschwein, welches wir die Nächte zuvor hörten. Jawohl, bestätigt er, genau so hört sich das an. Und Wildschweine gäbe es hier keine. Wir können es kaum glauben. Wir sollen uns vor einem süßen knuffeligen Bärchen gefürchtet haben? Und das Tier, nach dem wir so lange Ausschau hielten, soll direkt neben uns gewohnt haben? Und dieses kleine Puschelchen soll so ein furchtbares Grunzen von sich geben? Unmöglich! Da hilft nur Dr. Google. Wir befragen also das Internet, und können nur unsere Unwissenheit eingestehen: https://m.youtube.com/watch?v=BMXBV9oLbVk

Auf der Küstenstraße herrscht am Morgen noch wenig Verkehr. Nur eine hohe Anzahl an Rennradfahrern nutzt das Wochenende zum Austoben. So auch David, der kurz sein Tempo reduziert und uns anspricht. Respektvoll (oder scherzhaft?) meint er: „in Lorne gebe ich euch einen Kaffee aus, im Café am Pier.“ Dann tritt er in die Pedale und ist verschwunden. Wir wissen nicht sicher, ob er wirklich damit gerechnet hat, uns noch einmal zu sehen. Aber eine Einladung zum Kaffee am Morgen, mei ist das ein Ansporn! Wir machen also ernst und gelangen zur Frühstückszeit nach Lorne, finden das Café und halten freilich darauf zu. David grinst, winkt uns herein – und steht zu seinem Wort. Beim Kaffeegenuss bieten er und seine Frau uns auch noch Logis bei ihnen in Melbourne an. Der Kellner schließt sich an, er wohnt nicht weit von hier und wir könnten heute auch bei ihm nächtigen. Wir sind überwältigt von so viel Gastfreundschaft!

Doch zunächst bringt uns das letzte Stück der Great Ocean Road nach Anglesea, wo wir bei Host Ed erst einmal eine Pause einlegen. Ed ist ein erfahrener Radfahrer, von dem wir viele interessante Aspekte zum Fahren mit einem Fahrradanhänger anstelle der Taschen erfahren. Wir relaxen in seinem Garten, sehen den Papageien und dem lachenden Hans in den Bäumen zu. Am Nachmittag streifen wir durch die Stadt, um Senf zu kaufen. Hierbei ergibt sich die Gelegenheit, dass Till seine erste Meat-Pie probieren kann – nicht schlecht, wie er findet. Direkt im Anschluss kehren wir in einen Op-shop (second hand Geschäft) ein – voller Erfolg! Endlich finden wir Ersatz für so manche dahingeschiedene Artikel: einen Löffel, Hosen, Socken. Zu guter Letzt finden wir auch den Senf.

Bei sauren Eiern, einem Bier und vielen Radfahrgeschichten klingt der Tag aus. Ed hat bereits eine Pan-Amerika-Fahrt hinter sich, eine Tour die uns ebenfalls reizt, deren Zeit vielleicht irgendwann kommt. Voll mit vielen guten Erfahrungen und neuen Inspirationen verabschieden wir die Great Ocean Road und Ed. Das soll erst der Beginn einer Reihe von imposanten Begegnungen gewesen sein.

Kommentare

Submitted by Martina (nicht überprüft) on Di, 23.10.2018 - 14:57

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Vielen Dank für eure tolle Beschreibung, es ist immer ein bisschen, als ob man mit dabei wäre! Aber es scheint ja wirklich unangenehm kalt zu sein, das ist wirklich schade! Falls es euch tröstet, hier erhält so langsam auch die Kälte ihren Einzug :-( Und bei euch wird es nun hoffentlich schnell wärmer, je mehr ihr auf den Sommer zugeht. Aber ihr seid nun auch sehr nah an der Antarktis, schon ein komisches Gefühl, wenn man weiß, dass zwischen dem Südpol und einem selbst nur noch "ein bisschen" Meer liegt, oder? Ich bin ja nun sehr gespannt wie es weiter geht, da habt ihr ja einen richtigen Cliffhanger eingebaut!

GLG

He meine Liebe, wie schön dass du unsere Lektüre noch so regelmäßig verfolgst. Du hast Recht, es ist schon ein komisches Gefühl zu wissen, dass man der Antarktis so nahe ist. Manchmal irgendwie berauschend und ein andermal ist die Feststellung eher schmerzlich, nämlich dann wenn uns die antarktischen Winde wieder einmal eiskalt um die Ohren pfeifen - als Gegenwind versteht sich. Und nun wird es noch etwas spannender, schließlich kommen wir dem Pole in NZ noch ein Stückchen näher. Liebe Grüße ins herbstliche Leipzig!

Submitted by Onkel Klaus (nicht überprüft) on Di, 23.10.2018 - 17:49

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Toller Bericht mit Spannungsaufbau...
Leider kein Foto vom Mt. Abrupt. Ich liebe diesen Namen und hätte ihn gerne gesehen. Also Internet aufgeklappt und siehe da: erwanderbar mit schönem Gipfelblick.
Der Sound der Koala hat mich überrascht. Sie tarnen sich also als sich nicht bewegende Wildschweine. Clever.
Liebe Grüße
Onkel Klaus

Hallo 

Ich bin auch froh dass wir erst später von den carnivoren Verwandten der Koalas gehört haben: Den gefährlichen Drop Bears! 😉

https://www.google.com.au/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://de.m.wikipedia.org/wiki/Drop_Bear&ved=2ahUKEwiEg8DQ26LeAhWKXisKHR5YAP4QFjAAegQIABAB&usg=AOvVaw2VtJo7QAQHM2TZrbo1I-e4

Zuerst habe ich erst bei Mount Abrupt gedacht daß vielleicht der Chirurgen Berg Mt S(t)urgeon mit dem abrupten Ende des zweiten Berges zu tun hat... War aber nur eine Freudsche Fehlleistung.

Liebe Grüße

Submitted by Dieter und Ingrid (nicht überprüft) on Mi, 24.10.2018 - 10:56

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Endlich mal wieder ein Bericht von Euch. Toll wie immer. Aber eins steht fest - mit Eurem Dschungelcamp möchte ich nicht tauschen. Auch Dieter nicht. Es ist zwar schade, dass Ihr den Koala so nahe bei Euch nicht gesehen habt, aber vor Angst wären wir auch nicht gucken gegangen. Hoffentlich wird es auch noch ein bissel wärmer bei Euch. Bei uns ist jetzt auch richtig schmuddeliger Herbst. Aber so ist das nun mal in den gmäßigten Breiten.
Weiterhin viele schöne Erlebnisse die Ihr uns miterleben laßt. Wir drücken Euch.

Hallo ihr Lieben. Ich freue mich dass euch unsere Dschungelcamo-geschichten unterhalten. Um dieses Kapitel mit ordentlich Inhalt füllen zu können, hätten wir wohl im Sommer kommen müssen. Weder giftige Spinnen noch Skorpione haben wir gesehen und von den gefährlichen Schlagen auch nur tote Exemplare. Naja, einen Vorteil muss das kühle Wetter ja haben. Stetig fahren wir dem Sommer davon: Nun geht es für uns noch weiter südlich, damit so schnell auch ja kein Gefühl von Sommer aufkommt, starten wir in NZ auf der Südinsel. Wir senden euch frühlingshafte Grüße ins herbstliche Steinpleis!

Submitted by Onkel Hans & Monika (nicht überprüft) on Do, 25.10.2018 - 13:26

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Das erinnert mich an eine Übernachtung in Italien vor 35 Jahren. Wir schliefen ohne Zelt draussen und ich wurde geweckt mit "Da ist ein Fuchs!". Ich habe so wie Till reagiert mich rumgedreht mit der Anwort kann doch nicht sein Füchse machen so was nicht. Am nächsten Morgen haben wir unsere Schuhe nach langem Suchen in ca. 20m Entfernung wieder gefunden. War wohl doch was da in der Nacht.
Diese kleine Anekdote ist natürlich nicht zu vergleichen mit euren Abenteuern.
Wir sind nach wie vor begeistert von eurer Tour, eurem Mut und eurer Gelassenheit.
Weiterhin viel Spaß.
Hans & Monika

Ja die Füchse... Da erzählen die einem immer die wären so scheu, wir erwischen sie auf dieser Reise aber doch immer in unserer Nähe. Hier in Australien aber nur einmal als die Elster eines der noch nicht vergifteten Tiere vor uns auf die Straße trieb. Bei großem Hunger sollen manchmal sogar die friedlichen Wombats in Zelte einbrechen... Diese sind uns aber genau wie die giftigen Tigersnakes oder Brownsnakes bisher nur als Opfer des Straßenverkehrs begegnet. Bei den beiden letztgenannten bin ich gar nicht so traurig drüber.

Liebe Grüße

Submitted by Julia & Christian (nicht überprüft) on Fr, 09.11.2018 - 21:29

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Hallo ihr Zwei!
Wieder mal ein toller Bericht mit interessanten Details 😉
Ich hab auch noch nie etwas von den seltsamen Koala Lauten gehört. Hach wie gerne würde ich auch einmal so einen süßen kleinen Puschel von nahen sehen ❤
Bin schon gespannt wen und was ihr noch so trefft!

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